»Wir sollten mal reden« Street Art in Israel und der West Bank

Von Felix Scheinberger 21. November 2009 Kommentare 0

In der westdeutschen Friedensbewegung der achtziger Jahre war ein Poster sehr populär, das die schwarzweiß Fotografie eines fallenden, tödlich getroffenen Soldaten zeigte. Das Foto stammt von Robert Cappa und entstand im spanischen Bürgerkrieg. Ich hatte das Motiv schon vergessen, bis es mir hier im Nahen Osten wieder begegnet ist.

Der fallende Soldat als Street Art Schablone im Israel des Jahres 2009, darunter in hebräisch: »Wir sollten mal reden.« Graffiti und Street Art sind ausgesprochen populär im Nahen Osten.

Eines der berühmtesten Beispiele ist sicherlich die Friedenstaube mit Kugelsicherer Weste, die der britische Street Art Künstler Banksy 2007 an die Grenzmauer malte. Die Resonanz war groß, weil das Bauwerk, auf das Banksy seine Kunst malte, medial ohnehin omnipräsent ist: Die Mauer ist eines der meistzitierten Objekte in Palästina. Eigentlich ist sie überwiegend ein Zaun, der Israel von dem Westjordanland trennt. (An Stellen, an denen Heckenschützen nach Israel schießen, haben die Israelis jedoch eine Mauer gebaut.) Und obwohl Sie die Anschläge auf Busse oder Supermärkte gestoppt hat, ist diese Mauer für Israel wie für die Palestinänser nichts weniger als eine Katastrophe. Die Mauer ist ein Gewinn für alle Radikale. Denn Sie hat nicht nur die Selbsmordattentate gestoppt sondern auch jegliche Kommunikation zwischen Israel und Palästina. Die Mauer zementiert den kalten Krieg zwischen (Nah)Ost und (Nah)West.

Da die Mauer medial so präsent ist, bleibt Sie natürlich auch ein beliebtes Objekt für Street Art. Graffitis in den Palästinensischen Gebieten beschränken sich leider oft auf die idealisierten Portraits von Selbsmordattentätern oder auf Raketensymbole. Banksys Zeichnungen zeigen dagegen Löcher in der Mauer mit Durchblicken zu Urlaubstränden oder kleine Mädchen mit Pferdeschwanz, die hochgerüstete Soldaten durchsuchen. Aber auch Israelische Street Art Künstler wie etwa Know Hope benutzen die Mauer, um Ihren Protest gegen die Feindschaft der Menschen hier zu dokumentieren.

60 km weiter westlich. Auf dem Weg zur alten Stadt Jaffa passiere ich an der Strandpromenade ein weiteres Symbol für den Hass im nahen Osten: Es ist später Nachmittag, ein stürmischer Tag mitte November. Der Wind treibt Wellenkämme vor sich her, in der Ferne Kite Surfer und Hoteltürme. Vor uns duckt sich ein für immer geschlossener Ferienpark. Ein Logo aus Metall, Zwei springende Delfine, seltsam angerostet und schief, die Türen verammelt. Auch hier Street Art. Wir befinden uns an der Ruine des Delphinariums in Tel Aviv.

An einem Junitag vor acht Jahren hat sich hier ein junger Mann unter die wartenden Gäste gemischt, der nicht wegen der Delfine gekommen war. Seine Nagelbombe riss 22 Menschen in den Tod und verletzte weitere 120 schwer. Neben dem Eingang hat ein unbekannter Street Artist lachende Kinder geklebt. Ein bemaltes Stück Papier mit den Wortfetzen »Smile Again« flattert im Wind.

Abends bin ich auf einer Vernissage der Street Art Gruppe »Broken Fingaz« aus Haiffa. Die Szenerie wirkt wie überall auf der Welt: Der neue Beujolais, die üblichen Verdächtigen und die ebenso üblichen Pictoplasmen. Wäre die Szenerie nicht so vertraut, würde sie vielleicht gespenstischer wirken.

Theodor Herzel, einer der geistigen Väter Israels, prägte zur Staatsgründung einen berühmten Satz: »Wenn Ihr wollt ist es kein Traum«. Auch sein Konterfei schmückt seit einigen Wochen die israelischen Städte. Ein Profilbild, eine Schablonenmaske mit dem lakonischen Untertitel eines anonymen Sprayers: »Wenn Ihr nicht wollt macht es vermutlich auch nichts«.

www.brokenfingaz.com www.graffitlv.com

(Abbildungen: oben Banksy, unten KH Norway)