»Wer fragt einen freiberuflichen Rechtsanwalt, ob seine Tätigkeit ein Hobby ist?« Prof. Marcus Herrenberger im Interview

Von Felix Scheinberger 14. September 2010 Kommentare 0

Nach dem Tod von Heinz Edelmann gilt er als einer der renommiertesten Lehrkräfte für Illustration; Prof. Marcus Herrenberger von der FH Münster. Felix Scheinberger, Vorstand der IO Illustratoren-Organisation, hat ihn für Freistil-online interviewt.

Herr Prof. Herrenberger, Sie unterrichten seit 1990 am Fachbereich Design in Münster Illustration. Was macht aus Ihrer Sicht eine gute Ausbildung aus?

Das wichtigste, ist das vorhandene Potential eines Studierenden zusammen mit diesem zu entdecken und ihm den Raum zu lassen, es frei zu entfalten. Vermeiden, dass man irgendwie seine Wünsche, Neigungen, Stilvorlieben oder anderes auf den Studenten projiziert, um sich selber als Künstler oder Gestalter im anderen zu profilieren. Das heisst auch, mit jedem Studenten einzeln dessen eigenen Projekte zu begleiten. Ich mache keine Wettbewerbe, wo alle am gleichen Thema arbeiten und einer gewinnt. Ich arbeite mit jedem Studierenden an seinen Themen, individuell und mit dem Ziel, ihn mit seiner Eigenart und den Markt in enge Verbindung zu bringen. Gute Ausbildung heisst Ausbildung so nah und so weit wie möglich in der Praxis. Der Markt ist größer und breiter als die Vorstellung von Studierenden. Sich im Markt Gestaltungsräume suchen zu können, die Prozesse und Parameter zu verstehen und sich zu behaupten, ohne sich anzupassen, ist ein wesentlicher Zug einer guten Ausbildung. Eine gute Ausbildung ist Begleitung, nur dosiert Führung, aber ein grosses Potential zur Reflexion. Und Konfrontation mit der Wirklichkeit. Messebesuche sind unabdingbar, die Frankfurter Buchmesse und die Kinderbuchmesse in Bologna. Das bringt jeder Tag mehr als ein Semester Seminar.

Wie sehen Sie den Stand der Illustration in Deutschland ?

Das weiss ich eigentlich nicht? Wie ist der Stand? Mit der IO gibt es einen ersten Berufsverband. Das wird die Position der Illustration nachhaltig stärken. Illustration ist im Grafik-Design gefragt. Die Preise für Illustration entsprechen oft nicht der Arbeitsleistung. Ich denke, die Illustration steht nicht, sie ist in Bewegung und wie immer widersprüchlich. Einen Stand der Kunst, der Architektur oder des Kinos wie der Musik könnte ich auch nicht benennen. Man sieht eigentlich nur, was später über geblieben ist und nachhaltig in der Kultur sich verankert hat. Der wissende Blick in die Gegenwart ist immer unwissend.

Wo soll ein angehender Illustrator heute Studieren?

Wenn er, sie Illustrator, Illustratorin werden will, entweder bei uns in Münster oder an der HAW in Hamburg. Wenn es um Bildende Kunst geht, ist die Auswahl reichlicher. Ich würde sehen, wer wo was und wie lehrt und mich dann entscheiden. Im Design ebenso. In der Illustration ist das Angebot klein. Es sei, man visiert das Ausland an. Dann gäb’ es z.B. das Department Illustration an der Rhode Island School of Design.

Wodurch unterscheidet sich Münster von anderen Hochschulen?

Münster bietet eine durchgängige Ausbildung für Illustratoren an. Das Angebot gibt es nur in Münster und in Hamburg. Illustration an den anderen Design-Fachbereichen ist Teil des Kommunikationsdesigns und kann nur als Teil dessen studiert werden. Das trägt vielleicht den Interessen von Grafik-Agenturen Rechnung, bestenfalls bereitet es auf Editorial Illustration vor, aber die Bandbreite von Illustration bilden nur die beiden Hochschulen aus, die den Studienschwerpunkt respektive den Studienbereich Illustration anbieten. Hamburg und Münster unterscheiden sich in dem Versuch der Hamburger, sich stärker künstlerisch zu profilieren, der Praxis der Münsteraner, sich mehr an der Berufspraxis und den Möglichkeiten des Marktes zu orientieren. Wobei von Hamburger Absolventen genauso Bücher publiziert werden, wie unsere Studierenden und Graduierten sich durch Preise oder andere Anerkennungen künstlerisch auszeichnen. Und beide, Hamburger wie Münsteraner profitieren immens davon, dass alle anderen Fachbereiche die Illustration ins Kommunikationsdesign gepackt haben: Illustration im Käfig.

Worin liegt die Misere in der Ausbildung?

Mit der Einführung des Bachelor und der damit verbundenen Kürzung der Studienzeit ist das grundständige Studium nicht mehr in der Lage, die Studierenden schon im Studium nachhaltig in der Praxis zu verankern. Im Diplomstudiengang war es durchaus möglich, schon im Studium zu publizieren und betreut so Erfahrungen direkt in der Berufspraxis zu machen. Das Studium BA jetzt treibt die Studenten von Modul zu Modul, der Praxisbezug ist so erschwert, wenn wie in NRW im allgemeinen nur 6 Semester Studienzeit vorgesehen sind und im speziellen an unserem Fachbereich dieses unflexibel umgesetzt worden ist.

Zur Zeit unterlaufe ich mit meinen Studenten das, um sie doch wieder so stark wie möglich an die Berufspraxis anzubinden. Die Studienzeit werden wir verlängern müssen, wie die Hamburger Kollegen diesen Trend schon vorgegeben haben. Der Bologna-Prozess ist ein Schuss in den Ofen, langfristig und nachhaltig. Die aktuelle Rückkehr der Ingenieur-Fachbereiche zum Diplom-Ingenieur belegt das allzu deutlich.

Wie sehen Sie die Kollegen?

Was soll ich über die Kollegen sagen? Meine Hamburger Illustrations-Kollegen an der HAW schätze ich sehr. Die Kollegen, die eingebunden ins Kommunikationsdesign Illustration lehren, tun mir leid, denn so können sie ihr sicher grosses Potential nur bedingt entfalten. Die Denkweisen in Illustration und Design sind sehr unterschiedlich. Das kann anregend sein, wenn man sich frei bewegen kann, aber ist das in der Einbettung nicht doch einschränkend?

Illustration – ein Selbstverwirklichungshobby oder ein ernstzunehmender Beruf?

Als ich 1990 in Münster angefangen habe, war die Illustration teilweise noch ein »Damenfach«. Dabei hat mein Vorgänger, Reinhard Herrmann 1986 angefangen, die Studienarbeiten auf einem Stand auf der Frankfurter Buchmesse zu präsentieren. Ich denke, das war der entscheidende Schritt, Illustration und insbesondere Kinderbuchillustration in Münster als Ausbildungsfach zu professionalisieren. Münster ist dadurch als Hochschule, an der Illustration ausgebildet wird, in der Szene präsent geworden, diese Basis wirkt immer noch, auch wenn wir 2005 unseren letzten Messestand in Frankfurt gehabt haben. Seit ungefähr 2000 gehen unsere Illustratoren vermehrt direkt zu den Verlagen und so haben wir ganz andere Kontakte als durch den Messestand, der immer nur von einigen Verlagen frequentiert wurde. Grosse Erfolge wie die von Daniel Napp, Alexander Steffensmeier, Conny Haas oder Günther Jakobs haben mit Mappen an Verlagsständen begonnen. Wenn Studenten zu den Verlagsständen gehen, ist es effektiver, sie machen vor allem selbst die Erfahrung und die Kosten für die Hochschule sind erheblich niedriger. Auflagen wie 150.000 Dr. Brumms von Daniel Napp verweisen dann eher auf den Beruf als auf ein Hobby.

Illustration ist ein Beruf, wie andere Künste auch. Es ist nicht einfach, sich als Freiberufler zu behaupten und davon zu leben. Und wie in allen künstlerischen Berufen steckt auch in der Illustration sehr stark Selbstverwirklichung. Illustration hat einen geringen Grad von Entfremdung. Und wenn jemand davon lebt, ist es kein Hobby. Auch wenn die Arbeit Spass macht. Und wie in allen Künsten, gibt es auch in der Illustration die, die scheitern, die sich nicht trauen, die aufgeben.

Wären die Honorare angemessen, würde die Frage nicht gestellt werden. Wer fragt einen freiberuflichen Rechtsanwalt oder einen Metzger, ob seine Tätigkeit ein Hobby sei?

Sie selbst zeichnen Graphic Novels , jüngst erschienen »Das Jahrhundert einer Ratte«, in der minedition. Was Ist Ihnen an Ihrer Arbeit besonders wichtig?

Historische Genauigkeit, detaillierte Recherche, Spiel mit historischen Inhalten sind das eine, Suche nach Atmosphäre, Licht und Raum das andere. Ein illustriertes Buch in seiner Ganzheit zu verstehen, ist mir wichtig. Die Bilder sind ein Teil des Ganzen.

Im Zentrum meiner Arbeit steht Geschichte, immer wieder, ob als Geschichte von Stadtentwicklung oder wie bei der Ratte Zeit- und Kulturgeschichte. Stadt steht im Zentrum meiner Arbeit, auch in der Fotografie. Und die Rolle des Chronisten, der seine Zeit festhält, mehr als Fotografierender denn als Zeichner. Durch Moskau, Seoul oder Hongkong laufen und fotografieren, Prozesse ablichten wie den Abriss des Palastes der Republik in Berlin oder nur unseres alten Fachbereichs in Münster, sind Themen. Wobei mich die Ästhetik der Zerstörung in einer Stadt oft mehr reizt als die Suche nach schönen, intakten Situationen. Blicke in den Längsverlauf von Strassen sind ein Thema. Märkte.

Ihre derzeitigen Lieblingsillustratoren/Ihr liebstes illustriertes Buch ?

Meine Lieblingsillustratoren sind nicht unbedingt Deutsche. Shaun Tan (siehe Freistil-online am 15. September) ist von den mir bekannten der spannenste. Rebecca d´Autremer in einigen Büchern. Der französische Comic-Zeichner Gibrat mit seinem immensen zeichnerischen Potential fasziniert mich. Roberto Innocenti mit seinem Hotel zur Sehnsucht gehört zu denen. Als illustrative Buchgestalterin Kveta Pachovska. Dann in dem mich hier Fragenden nun endlich ein Deutscher, dessen Skizzenbücher und seine Zeichnungen darin ich sehr mag. Und Nadja Budde, die wäre meine deutsche Lieblingsillustratorin.

Mein liebstes illustriertes Buch war als Kind: Knaurs Die Welt, in der wir leben. Die Illustrationen der Urzeit-Tiere, die Funktion eines Vulkans und unendlich viel mehr waren konnten nur illustriert dargestellt werden. Ich bin Stunden über Stunden darin geradezu versunken. Macaulay´s Mammutbuch der Technik hätte ich als Kind sicher geliebt, wenn es das damals schon gegeben hätte. In der erzählenden Illustration beeindruckt mich Shaun Tans The Arrival, auch in seiner Ganzheit als gestaltetes Buch.

Einige der Bücher meiner Studenten oder Ehemaligen mag ich besonders: Phillip Seefeldts Ida still im Menschenmeer (Arena) und Lena Hesses Fred und Anabel (Kinderbuchverlag Wolff), natürlich die Lieselotte-Reihe von Alexander Steffensmeier (Sauerländer), Daniel Napp mit seiner Reihe Dr. Brumm(Thienemann), von Conny Haas Hundemüde Hunde (Thienemann), von Julia Dürr die beiden im Ivy-Verlag erschienenen Bücher Meer sehen und Im Dunklen. Daniela Bunge, Christoph Mett und Reinhard Kleist sind da noch zu nennen.

Es sind hier nicht nur die Bücher, auch die Menschen, die man hinter ihnen erlebt hat. Das führt mich zurück zur ersten Frage, was eine gute Ausbildung ausmacht. Das Wichtigste ist die Kommunikation miteinander. Lehre ist dann gut, wenn ich als Lehrender merke, dass ich in diesem Prozess Lernender bin und die Gespräche entspannt verlaufen, es Spass macht und man sich versteht. Über etwas, von dem man was versteht.

www.fh-muenster.de