»Seelenfresser« Die Ausstellung zum Buch

Donnerstag, 17. März 2011
Von Raban Ruddigkeit 16. März 2011 Kommentare 0

Schweinevogel, animiert und als Comic, stand in den letzten Jahren im Zentrum des Schaffens des Leipziger Comic-Stars Schwarwel. Nun verbannt sein neues Werk »Seelenfresser« die eigene Funnywelt in den Dekobereich.

Die Idee zur Seelenfresser-Story, erzählt Schwarwel, begleite ihn schon seit Jahren,
es dauerte dann, bis der richtige Anfang gefunden war. Oder Anfänge: Parallel zum
vierbändigen Comic arbeitet Schwarwel an einem Filmdrehbuch zum Stoff. Online ist
Band 1 „Liebe“ kontinuierlich auf comiccombo.de erschienen, pünktlich zur Leipziger
Buchmesse 2011 liegt er nun auch als großformatiges, 84-seitiges Album vor.
Wir nutzen die Ruhepause vor dem Messerummel um Seelenfresser, um Schwarwel
in 21 Fragen nach ganz konkreten Dingen zu befragen: nach Hunden und Religion,
B52s und ob er jemals eine Frau sein wollte.

Am Donnerstag feiert eine Ausstellung im Werk 2 zu Leipzig das Erscheinen des Schmökers. Brigitte Helbling hat den Zeichner interviewt.

Welche Rolle spielen Hunde in deinem Leben?
Mein erster Hund war ein Rüde, den meine Eltern vor Misshandlung gerettet hatten.

Er hieß Bella und war meine erste große Erfahrung in Sachen „Verantwortung
gegenüber anderen Lebewesen“.

Natürlich bin ich gescheitert. Und ich hab viel gelernt. Als ich ihn im Garten begraben
habe, hatte ich meinen ersten großen Verlust zu verarbeiten. Unser jetziges Hunde-Familienmitglied Clooney konnte viel davon profitieren, dass ich die gröbsten Verfehlungen schon an Bella begangen hatte. Und ich glaube, Clooney war und ist für unsere Kinder genauso wichtig wie es Bella für meine Schwester und mich war. Mein Sohn musste sich seinen Platz weiter oben im Rudel hart erarbeiten.

Unser Studio ist auf Hunde ausgerichtet und wenn die Viecher vegan leben würden,
wären es die idealen Typen. Letztlich sind Hunde aber doch nur der vergebliche Traum des Menschen von der Beherrschbarkeit des Unbeherrschbaren. Herrlich. Der Wolf im Manne.

Und Lastwagen?
Keine.

Und Lastwagenfahrer?
Mein Quasi-Schwiegervater ist Trucker. Deshalb ist Hardy Trucker. Denn durch die Erzählungen meines Quasi-Schwiegervaters habe ich halbwegs Kenntnis vom
Dasein eines Truckers in der heutigen Zeit.

Die modernen Legenden vom einsamen Trucker, der sich durch Wind und Wetter
über die Landstraßen quält, um im Zeitplan zu bleiben, stimmen: Die Aufträge sind
der reinste Hohn, die Fuhrunternehmer stehen wie viele andere mittelständische
Unternehmen entweder halb im Ruin oder halb im Knast, die Entlohnung ist – wie in
den meisten Tätigkeiten – vergleichsweise beschissen und das Risiko, das man
dafür tragen muss (Übermüdung und Unfallgefahr, Transport gefährlicher Güter,
Verzicht eines geregelten Soziallebens etc.), scheint dazu in einem ziemlichen
Missverhältnis zu stehen. Ideal für „Seelenfresser“!

Aber mein Quasi-Schwiegervater liebt seine Arbeit. Und ich kann das gut verstehen.

Warum heißt der erste Band „Liebe“?
Weil es in diesem Buch um Liebe geht: Um das, was wir darunter verstehen und das, womit wir Liebe verwechseln.

Wie werden die Folgebände heißen?
„Glaube“, „Hoffnung“ und „Barmherzigkeit“. Neben der Liebe sind das die drei
weiteren Stützpfeiler, auf denen die katholische Kirche ihr Glaubensgebäude
errichtet hat. Die Barmherzigkeit fällt im Volksmund erstaunlicherweise meistens
unter den Tisch, dabei ist sie meines Erachtens die wichtigste dieser vier Tugenden,
denn ohne sie können die anderen drei gar nicht praktiziert werden.

Wie bist du auf „Hitch-Hike-Baby“, die junge Frau im Mittelpunkt
gekommen?

Oh, das wüsste ich selbst gern. Am Anfang war diese Figur eine typische Protagonistin in einem typischen Horrorszenario: weiblich, um besser in die Opferrolle zu passen; jung, um weniger erfahren als ihr Umfeld zu sein; zart, um schwächer als ihre Gegner zu sein.
Doch irgendwie war mir das zu dünn und es schlichen sich biografische Schlieren in
das Skript.

Als ich sechzehn war, fasste ich zusammen mit meinem Vater und einem Nachbarn
einen Sexualtäter, der in unserem Wohngebiet ein Mädchen vergewaltigt hatte.
Nachts, zwischen drei und vier. Als die Jagd vorbei war und die Polizei den Täter
wegfuhr, stand das vergewaltigte Mädchen vor uns, nackt, ihre Klamotten über dem
Arm, geisterhaft, wie von einem anderen Stern.

Das Bild habe ich ständig vor mir und es treibt mich um. Letztlich ist viel in die
Geschichte gerutscht, das ich ursprünglich sehr gut vergraben glaubte.

Erfahre ich irgendwann, wo die junge Frau herkommt und wie sie in die
Beziehung mit Hardy geraten ist
?
Ja, sicher, irgendwie schon. Ich hasse Geschichten, die solche Fragen nicht
beantworten.

Nach Jahren von „Schweinevogel“-Funnywelten und natürlich den täglichen
Karikaturen jetzt der Wechsel zum Realismus. Wie kam es dazu?

Auf ganz natürliche Weise. Und so plötzlich ist der Wechsel ja nicht. Einzelarbeiten
und Aufträge in realistischem Stil habe ich über die Jahre immer gemacht, bei
unserem Verlag EEE auch einige Kurzgeschichten für „Extrem“ und die Miniserie
„Reformer“. Für mich selbst ist es noch nicht mal ein Wechsel, sondern eher ein
Einbinden eines weiteren Aspekts meiner Tätigkeiten in den Arbeits- und Alltag.
Klingt hochgestochen, ist aber so.

Jahrelang habe ich den Realismus sträflich vernachlässigen müssen, weil ich meinen
Arbeitsalltag falsch gestaltet und die Prioritäten falsch gesetzt habe.
Als ich endlich klar erkannte, dass ich sterblich bin und dass diese Sterblichkeit keine
Sache ist, die irgendwann erst passiert, sondern allgegenwärtig ist, habe ich mich
hingesetzt und mich meiner Arbeitsdisziplin ergeben. Trocken werden hat da sehr
geholfen.

Wie sieht deine „Recherche“ für ein solches Werk aus?
Stark gegliedert.

Durch die vielen Musikvideos, Trickfilme, Bücher und grafischen Auftragsarbeiten,
die ich bisher gemacht habe, konnte ich lernen, was für so ein Projekt an
Vorbereitung notwendig ist. Das ist sicher einer der Gründe, warum ich so lange
brauchte, endlich mit der ersten Seite anzufangen. Und es ist der Grund, warum ich
nicht wie sonst üblich „alles auf einmal“ mache – also erst alle Thumbnails und
Layouts, dann alle Vorzeichnungen, dann alle Letterings, dann alle Reinzeichnungen
usw. – sondern mich Seite für Seite durch die Geschichte arbeite und dabei nur grob
die Abschnitte einteile. Sonst wird man wahnsinnig.

Im Bus auf dem Weg ins Studio habe ich stets Muse, mir die für den jeweiligen
Abschnitt wichtigen Dinge der Story durch den Kopf gehen zu lassen – was muss zu
sehen sein, wer ist im Bild, welche Stimmung muss da herrschen … Freunde wie
Thomas Reichl oder Andy Fischer rennen für mich dann schon mal mit ihren
Kameras los oder ich knipse selbst mit meinem Telefon ein paar stimmungsvolle
Bäume mit Efeuranken dran …

Würdest du sagen, du kommst so langsam in ein Alter, wo du die „letzten
Dinge“ angehen willst?

In dem Alter wähne ich mich schon länger als mein halbes Leben. Nur dass ich mich
jetzt in dem Alter weiß, wo ich die Fähigkeiten und Fertigkeiten erlangt habe, die
notwendig sind, um die letzten Dinge auch ausdrücken zu können. Handwerk eben.

Welche Bedeutung haben für dich Wälder?
Ich liebe Wälder und das, wofür sie in unserem gemeinschaftlichen
Unterbewusstsein stehen: das Geheimnisvolle, das Wilde, das Unentdeckte. Und
das Vergrabene, das vergessen Geglaubte, das Dunkle. Wald ist Schutz vor Regen
und Wald ist Gefahr und Verlorenheit.

Wenn der Mensch weg ist, ist der Wald schnell wieder über die Städte gefegt. Und:
Es gibt wieder echte Wölfe statt unserer gezähmten Surrogate.

Welche Bedeutung hat für dich die christliche Religion?
Es ist schwer, sich von ihr frei zu machen.

Als Kind der DDR habe ich im Heranwachsen geglaubt, atheistisch erzogen worden
zu sein. Aber das stimmt nicht. Als Mitteleuropäer ist es gar nicht möglich, dem
Christentum und den christlichen Religionen frei und unvoreingenommen zu
begegnen. Sowohl die Hitlerdiktatur als auch die Diktatur des Proletariats haben
zwar versucht, das Christentum durch ihre eigenen Gottheiten zu ersetzen, aber
einer zweitausend Jahre gewachsenen Religionsorganisation macht man so schnell
nix vor.

In der jetzigen Gesellschaft ist es der schnöde Konsum, der unseren Kumpel Jesus
ersetzen soll. Aber das ist natürlich genauso wenig wert wie Deutschland-über-alles
oder Marx-Engels-Lenin. Die Idee der „Ahimsa“ der Hindus scheint mir noch immer die reinste Form der Menschlichkeit zu sein.

Im ersten Seelenfresser-Band wird einiges über Lyrics von Songs erzählt.
Wenn du deine eigenen Comics zeichnest: erlebst du die Bildwelten, die du
herstellen willst, als Musik?

Nö. Ich bin Voyeur, ich denke in Bildern. Allerdings mit Geräuscheffekten und
untermalender Musik.

Wenn du Comics von anderen Zeichnern liest, hörst du die Bilder als Musik?
Nein. Dazu habe ich zu viel Abstand zu den Zeichnungen anderer. Da analysiere ich
auch viel zu viel. Es ist schon ewig her, dass mich andere Zeichner geflasht haben
wie dereinst Kirby, Wrightson, Mignola, Burns oder Bisley.

Die Geschichten haben mich meist mehr interessiert als das Versinken in einem
einzelnen Bild – anders als bei Einzelgrafiken wie die von Beardsley oder Scarfe.
Andererseits habe ich bei vielen Geschichten einen Soundtrack im Kopf, der für mich
dann gut zu dem Werk passen würde.

Bist du mit Seelenfresser Risiken eingegangen, die du bisher nicht
eingegangen bist?

Risiko setzt voraus, dass man was zu verlieren hätte.

Für mich besteht die Herausforderung darin, dass ich eine für mich straighte und
stimmige Story erzählen will, die nicht ganz so verblödet daher kommt wie die
meisten Geschichten, an die man denken muss, wenn das Negativimage des
Mediums „Comic“ zur Sprache kommt.

Das Medium kann mehr. Viele gute Hefte und Bücher zeigen das. Und da würde ich
„Seelenfresser“ auch gern sehen.

Aber in Deutschland wird dieses nuttig-billige Schmuddelimage, was die GI-Joes mit
den Befreier-Micky-Maus-Heften nach Kriegsende unbeabsichtigt eingeführt haben,
wohl nicht der großen Einsicht weichen, bei Comics handele es sich tatsächlich um
echte Literatur. Da hilft wohl auch kein Pulitzer-Preis für „Maus“ oder die doofe
Abgrenzung einiger Verlage, die sich schnöselig hinstellen und sagen: „Das ist kein
Comic – das ist ein g-r-a-f-i-s-c-h-e-r R-o-m-a-n!“

Bullshit.

Wie fühlt sich das an, parallel zum Comic-Machen das Drehbuch für den
Film zu entwickeln?

Sehr befriedigend. Da wir im momentanen Stadium der Produktion volle Kontrolle
über beide Projekte haben, können wir ad hoc Entscheidungen fällen und ich kann
Änderungen vornehmen, ohne mich vor einem zwölfköpfigen Ausschuss dafür
rechtfertigen zu müssen.

Andererseits muss man noch stärker auf der Hut sein, dass nicht die Pferde mit
einem durchgehen und man sich im Fabulieren verliert. Wenn der Leser oder der
Betrachter nicht mehr checkt, worum es geht, ist das nur noch Masturbation.
Da würde es auch nicht mehr helfen, die Geschichte einfach zur „Kunst“ zu
verklären.

War die Doppelung von Anfang an geplant?
Jain. Es war ein Zickzack-Kurs.

Erst gab es eine Idee einer Idee, später einen Plot für eine etwa vierzig Seiten lange
Geschichte, geradlinig und eher Horror-lastig, dann das Drehbuch für einen Trickfilm,
für den wir keine Förderung erhielten und mit dem ich inzwischen sehr glücklich bin,
weil es eine großartige Vorlage für die Graphic Novel abgibt.

Was das Drehbuch für den Film angeht: Zwar sind sich Film und Comic/Graphic
Novel als sequentielle Erzählformen am nächsten, aber es ist eben doch nicht das
gleiche. Der Rhythmus für Blätter, die man beim Lesen umblättert, ist ein anderer als
der eines Filmes, wo der Betrachter dem Timing des Erzählers viel stärker
ausgeliefert ist. Bei der Arbeit an den Comicseiten bin ich ständig dabei, mir
aufzuschreiben wie dieselben Geschichten dann im Film funktionieren sollen.

Überlegst du dir je, den Beruf zu wechseln?
Nein. Ich hab ja erst mal Jahre gebraucht zu begreifen, das Zeichnen mein Beruf ist.
Als ich mit Born Cool Mitte der Nuller Jahre ein zweites Mal Musik ernsthaft betrieben
habe, war auch da völlig klar, dass Worte und Töne bei mir nie den Stellenwert von
Bildern erreichen werden.

Wolltest du schon mal eine Frau sein?
Sexuell oder emotional?
Als Teenager war die Vorstellung sehr erregend, dass ich mir dann selbst die Brüste
massieren kann – aber das war wohl eher hormonelle Übersteuerung.
Ich bin, was ich bin. Da halte ich es ganz mit Popeye.

Hast du schon mal eine B52 aus dem Busenritzen einer Bardame
getrunken?

Ja. Wundert mich, dass du das überhaupt fragst.

Wann erscheint voraussichtlich der zweite Seelenfresser-Band?
Geplant ist er für spätestens März 2012 – dann hat man noch neun Monate Zeit, ihn
zu lesen, bevor die Welt untergeht.

www.schwarwel.de