New York Posts # 1

Von Juliane Pieper 12. Oktober 2009 Kommentare 0

Juliane Pieper ist Illustratorin und Journalistin. Und seit einigen Wochen als Fulbright-Stipendiatin in New York. Von dort berichtet sie von nun an regelmäßig für Freistil-online aus der Zeichner-Szene. In ihrem ersten Beitrag beschreibt sie die Veränderungen im Markt, die natürlich zuerst in der Hauptstadt der Illustration spürbar sind.

Alte Hasen, neue Prämissen. Die Krise im Print, die Chancen im Web (Abbildung 1: Jean-Philippe Delhomme's Unknown Hipster)

Bereits 2007 konnte ich über die Illustratorenszene in New York im Bereich der Zeitungen und Zeitschriften berichten, und damals schien mir dort für Illustratoren das Gras grüner als in Deutschland.

Mehr Zeitungen und Zeitschriften hatten mehr Platz zu vergeben für Illustration. Einziger Pferdefuß: Es gab in New York mehr Illustratoren, die sich um die Jobs gerissen haben, und mehr Schulen, die diese zum Teil hervorragend ausgebildet hatten – sehr gute Illustratoren gibt es in New York wie Sand am Meer, da braucht es schon einiges, um hervorzustechen und häufig gebucht zu werden.

Die New Yorker Artdirektoren damals vermittelten mir, wie schwierig es sei, sich in einem Markt mit mehr Praktizierenden als es Jobs gibt zu behaupten. Gleichzeitig wurde aber immer nach neuen Talenten gesucht. Wenn jemand gut und zuverlässig war, bekam er auch eine Chance.

2009 und zurück in New York habe ich ein anderes Gefühl als damals: 
Die Finanzkrise hat gerade New York wie ein Hammer getroffen, Zeitschriften und Verlage haben es in digitalen Zeiten schon seit längerem schwer, selbst die New York Times hat zu kämpfen – und Artdirektoren müssen mit Budgetkürzungen umgehen. Sie sind noch häufiger gezwungen, die leeren Flächen nicht mit der besten visuellen Lösung zu füllen, sondern günstigere Varianten zu wählen. Sie greifen häufiger zur (Stock-)Photographie, weil sie im Zeitungsbereich billiger ist als Illustration.

Trotz der Probleme in der redaktionellen Illustration, boomt die Illustratorenausbildung. Immer mehr Hochschulen bieten Bachelor- und Master-Programme an, es gibt mehr als genug Bewerber. Es existieren aber Märkte jenseits der redaktionellen Illustration, in die ausgewichen werden kann und die boomen: Animation und Storyboarding sind nur zwei Beispiele. 
Aber was bedeutet die immer weitergehende negative Entwicklung im Printbereich für die redaktionelle Illustration?

Nicholas Blechman, der Artdirektor von der New York Times Book Review sieht eine Entwicklung in den letzten zehn Jahren, die weggeht von Schwarzweiß-Illustrationen in den Zeitungen. Der Grund dafür ist nicht Geschmack oder Trend – gute Schwarzweiß- Illustrationen sind genauso zeitlos wie bunte – sondern die Vergünstigung der Printkosten – Mehrfarbdruck ist nicht mehr viel teurer als schwarzweiß.

Der immer weiter wachsende Markt im Internet unterstützt ebenfalls farbige visuelle Lösungen und bietet neue Betätigungs- und Präsentationsfelder für Illustratoren.
Sie nutzen Blogs, um ihre Arbeit vorzustellen und kommerziell zu vermarkten, oder um eine Geschichte zu erzählen:

Jean-Philippe Delhomme's Unknown Hipster (Abbildung 1 und 2) ist ein satirischer Blog über einen hippen Typen, der auf Kunstmessen, Fashion Shows und Galerien herumhängt und den letzten Schrei mal weise, mal poetisch, mal satirisch kommentiert. Der Unknown Hipster ist überall dabei, aber fast nirgendwo auf der Gästeliste. http://unknownhipster.com/

Neu ist auch, dass Illustratoren für Blogs beauftragt werden. Eine Empfehlung ist der Blog des Illustrators Christoph Niemann, den er für die New York Times gestaltet:
http://niemann.blogs.nytimes.com/

Smarte, visuelle Spielereien (ob aus Legosteinen, Voodoopuppen oder bekleckerten Servietten) aus dem Leben des Illustrators und seinen Erfahrungen, unter anderem mit New Yorker U-Bahnen, Kaffee und seinen zwei Söhnen, sind visuell und inhaltlich geistreich, überraschend und ein Spaß zu lesen und anzuschauen. (Abbildung 3)

Allein an diesen zwei Beispielen zeichnet sich ab, dass der Illustrator, der heute erfolgreich sein will, nicht mehr nur Dienstleister im Auftrag des Kunden ist, dem ein weißes Rechteck zum Bebildern zur Verfügung gestellt wird – er präsentiert stattdessen selbstverantwortlich seine Arbeiten. 
Je mehr er dabei selbst zum (visuellen) Autor wird, desto eigenständiger und auch bekannter wird er – und steigert darüber hinaus seinen Marktwert und seine künstlerische Unabhängigkeit.