Naturbanität. Matthias Gephart in Hochfeld

Von Raban Ruddigkeit 30. Oktober 2009 Kommentare 4

Matthias Gephart ist Illustrator und Streeartist in Berlin. Der gebürtige Ruhrpottler kehrte jüngst in seine Heimat zurück, um ein spezielles, und für ihn auch sehr persönliches, Projekt zu realisieren. Für Freistil-online berichtet er darüber in Wort und Bild.

»Ist das nicht schön, wenn Sie sich mal austoben können?«

Von Matthias Gephart

Im April diesen Jahres erhielt ich eine besondere Einladung - ungewöhnlich dabei war sowohl das vorgestellte Projekt selbst, als auch die ihm zugrunde liegende Zusammenarbeit dreier Initiativen: Die Duisburger Entwicklungsgesellschaft EG-DU (die sich mit Geldern des Bundes, der EU und des Landes NRW um Konzepte für »benachteiligte Stadtteile« bemüht), das auf Landschaftsarchitektur spezialisierte Atelier Loidl (Berlin) und schliesslich die Pro-Graffiti-Agentur Writers Challenge (Duisburg/Ruhrgebiet) in einem synergetischen Auftritt.

»Hast Du Ausbildung?«

Direkt am Ufer des Rhein gelegen, ausgestattet mit von grosszügigen Freitreppen gesäumten, weitläufigen Rasenflächen, langen Spazierwegen sowie einem exzellenten Skateboard/BMX-Park mit Uferpromenade, wartete die zum »Rheinpark Hochfeld« ernannte neue innerstädtische Freizeit- und Erholungfläche sozusagen auf ihre künstlerische Vollendung - angefragt wurden nun Künstler, die eine grossflächige Gestaltung der auf dem Gelände verbliebenen Industrieruinen und freistehenden Wände in ihrem jeweiligen Stil umsetzen sollten. Den Organisatoren, so erfuhr ich, war es bereits gelungen, ein illustres Team von internationalen Graffitikünstlern und alten Bekannten an Bord zu holen - unter anderem Loomit aus München, Dome aus Karlruhe, Kacao77 aus Berlin und Stohead aus Hamburg.

»Kann ich eine Dose haben?!?«

Hochfeld als Ort war mir bis nur als einer der vielen sozialen Brennpunkte des Ruhrgebiets bekannt - da ich selbst aus dem Ruhrgebiet stamme, haben Industriebrachen und alte Zechengelände allerdings seit jeher eine magische Anziehungskraft auf mich, nicht zuletzt deshalb, weil sie sich hervorragend für kreative Aktionen aller Art eignen. Die zu gestaltenden Flächen besassen attraktive Ausmasse. Es stellte sich heraus, dass mir ein »Erzbunker« zugedacht worden war: ein ehemaliger Stauraum für Eisenerze, im Format einem nach einer Seite hin offenen Würfel ähnelnd, mit dem Tiefen-Höhen-und Breitenmass von jeweils fünf Metern.

»Machen Sie das freiwillig?«

Thematisch sollte es um eine Verknüpfung von Natur und Urbanität gehen, was mir sehr entgegen kam: die Verbindung von organischen und streng konstruierten zeichnerischen Formen ist genau die Komponente, die für mich auch nach über 20 Jahren das faszinierendste Element der Kunstform Graffiti als freie kalligrafische Sprache ausmacht. Und - als ob es genau so hätte kommen sollen - ich besaß bereits einen Entwurf, der wie für das Format gemacht war: einen Sketch, von dem ich befürchtet hatte, ihn aus Mangel an Fläche nicht umsetzen zu können. Ein »Power of Love«-Style, programmatisch passend in ganz besonderer Hinsicht: die Liebe zur Wandmalerei, die persönliche Liebe als emotionale Inspiration, die Liebe zur Vereinigung scheinbarer Widersprüche, z. B. gegensätzlicher Ästhetiken, wie sie sowohl typisch für das Ruhrgebiet als auch für meine Kunstvorstellung sind. Die Einladung war wie ein Geschenk für mich, zumal ich in diesem Jahr geplant hatte, zu eben genau dem 20-jährigen Jubiläum ein, sagen wir »Gedenkbild« anzufertigen, aber über dessen Form und Realisierung mir bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht im Klaren war.

»Können Sie auch richtige Motive?«

Nun aber wurde alles ganz konkret: Dem Gesamtkonzept eines sich über 19 nebeneinander liegenden Erzbunker fortsetzenden Farbverlaufs entsprechend, standen hier jedem Künstler ein Grundton, die beiden Basistöne der links und rechts von ihm angesiedelten Nachbarn, sowie Schwarz und Weiss zur Verfügung. In meinem Fall ergab sich so die Palette von drei Gelb/Orange-Tönen plus Schwarz/Weiss. Ich würde den ganzen Raum bemalen - Frontwand, beide Seitenwände und Decke konten zu einem Gesamtbild zusammengeführt werden: als mir das klar wurde, erreichte meine Vorfreude bereits das Format der Wände - mindestens.

»Das sind die Verrückten, die überall die Wände beschmieren.«

Im Juli schliesslich startete die mehrwöchige Gestaltungsphase unter blauem Duisburger Himmel - die Flächen waren vom Veranstalter vorbereitet und gestrichen worden (was wirklich betont gewürdigt werden muss, denn zu diesen Leistungen ist beispielsweise so mancher, der im »professionellen« Ausstellungsbereich Illustratoren präsentiert, nicht in der Lage) und die bestellten Farben in einem Hochsicherheitstrakt-artig gesicherten Container untergebracht, der direkt gegenüber meiner Wand seinen Platz hatte. Mir standen zwei Leitern und ein vier Meter hohes Rollgerüst zur Verfügung (zu dessen Ver-Schiebung man aufgrund des Gewichts und des unebenen Bodens stets drei kräftige Helfer benötigte), sowie zur zusätzlichen Motivation eine ganze Reihe anderer hochmotivierter Künstler.

»Soll das was darstellen?«

Würdigung erfuhr die Arbeit aller Künstler besonders in den Kommentaren der durch den Park flanierenden Besucher. Ein Grossteil dieses Mischpublikums zwischen Grundschul- und Rentenalter war über die Gesamtaktion von Herzen begeistert, die Menschen betrachteten die Bilder tatsächlich als eine Bereicherung ihres Lebensraums ... ich habe selten so schöne Erfahrungen mit Reaktionen von Nichtkünstlern, Unbedarften und Post-Skeptizisten gemacht. In den siebenTagen, die ich selbst ausschliesslich mit Sprühen zugebracht habe, konnte ich natürlich auch ein paar heterogene Kommentare sammeln, die - jenseits der Stilistik akademischer Expertenzirkel - viel über den Stellenwert von Kunst/die Einschätzung von Kunst im öffentlichen Raum verraten ...

»Das ist ja geiler als Sex!!!«

Die entscheidende Aussage über das wunderbare Gefühl und Erlebnis, über sieben Tage hinweg einfach nichts anderes zu tun, als von früh Morgens bis spät Abends in farbverklebter Armeehose an einer Wand zu stehen und zu malen, wurde ebenfalls in einem Kommentar getroffen. Ich habe selten einen so grossartigen Urlaub genossen: Holidays in Euphoria.

www.disturbanity.com

Erzbunker

Super,

sieht aus wie ein privates Museum. Muss ich mir bei Gelegenheit mal anschauen.

Greetz aus Dortmund!
Marco

Yo

Year da hat sich der Herr mal ein kleines Denkmal geschaffen.
Wie bereits gesagt sehr geil und mit viel Liebe, besonders im Detail.

beste Grüße aus Wuppertal: Nicki

ohne Worte

I bin mal wieder sprachlos
Wahhhhhhhhhhhhhnsinnig der Typ und seine Arbeit
Hut ab, den ich mir extra dafür aufgesetzt hab

Liebste Grüße aus
Wolkenland Aachen

Brutalomat!

Herrlichstes Teil Kollege!! Vom allerfeinsten!!