Jerusalam # 2. Zeichnen im Nahen Osten

Von Felix Scheinberger 09. November 2009 Kommentare 0

Es ist windig hier oben, fast schon kalt, fünfundzwanzig Studierende blinzeln ungläubig in die Sonne. Staunen. Kopfschütteln. Der Blick ist einfach atemberaubend.

Wir befinden uns auf dem Dach des österreichischen Hospitzes zur Heiligen Familie, Via Dolorosa, Jerusalem. Unter uns ein Gewimmel aus 1001er Nacht, die alte Stadt, arabisches Viertel, Postkartenkitsch – und für die überwiegende Mehrheit der Studierenden das Herz der Finsternis.

Es klingt komisch, aber viele Jerusalemer Studierende waren praktisch noch nie in der Altstadt, in den arabisch dominierten Vierteln. Zeichenunterricht im Nahen Osten steckt voller Überraschungen und es erweist sich für alle Beteiligen immer wieder als eine Erweiterung des eigenen Horizontes. Skizzieren und Zeichnen ist hier ohnehin ein heikles Thema.

Das beginnt schon damit, dass ich Studierenden bei der Antrittsvorlesung erklären muss, dass ich nicht gedenke, auf religiöse Befindlichkeiten Rücksicht zu nehmen, sondern dass wir im Gegenteil selbstverständlich mit unbekleidetem Modell arbeiten werden.

Das Abbilden von Menschen ist besonders bei Muslimen, aber auch bei orthodoxen Christen und Juden verpönt. Man beruft sich auf die Bibel, in der es als zweites Gebot heißt: Du sollst dir von Gott kein Bildnis machen. Dieses Gebot wird bei religiösen jeglicher Couleur gerne auf die Abbildung von Menschen im Allgemeinen erweitert (da der Mensch ja wiederum Ihrer Vorstellung zufolge ein Abbild Gottes ist). In der muslimischen Welt dominiert deshalb die Kalligraphie und das Muster. Die uns vertraute Kultur der Zeichnung – von der Buchmalerei über die Illustration bis hin zum Comic und der Street Art – gibt es hier nur bedingt.

Israel selbst ist relativ westlich und hat eine ausgeprägte Graphik-Kultur. In der Altstadt hingegen ist die Religion das beherrschende Thema und bei allen drei Religionen scheint Einigkeit darüber zu herrschen, dass man bestimmt nicht gezeichnet werden möchte. Sobald man hier ein Skizzenbuch aufschlägt wird man misstrauisch beäugt.

Die in Europa übliche nette Frage funktioniert hier in der Regel nicht. Es kann sein, dass man schon von Anwohnern gebeten wird weiter zu gehen, weil sie fürchten, Ihre Nachbarn könnten ihnen hinterher vorwerfen mit dem Künstler eine Komplizenschaft eingegangen zu sein, indem Sie ihn nicht verscheuchten. (Das dies eine Einbahnstrasse bleibt, erweist sich, wenn Sie dann ihrerseits ungeniert ihr Fotohandy zücken, sobald weibliche Touristen ein bisschen Haut zeigen oder sich am Strand des Toten Meeres umziehen).

Im Grunde muss man zum Thema Zeichnen hier wohl konstatieren: Lassen Sie es oder lassen Sie sich nicht erwischen. Ich habe für mich ein zwei nützliche Methoden entwickelt wie es trotzdem geht.

Menschen spüren wenn man Sie anschaut. Das hat etwas magisches, ist aber in diesem Fall leider auch gefährlich. Das erste was man dagegen tun kann, ist ganz einfach: Man kann eine Sonnenbrille tragen. Ich vermeide darüber hinaus direkte Sichtlinien. Ein New Yorker Kollege erklärte mir das einmal so: In der U-Bahn muss man immer schräg versetzt am Ende des Wagens zeichnen, wenn man sich gegenüber sitzt wird man gesehen.

Wichtig sind auch Deckungen, etwa durch die Scheiben eines Geschäftes oder hinter einem Marktstand verborgen. Und wenn es wirklich mal nicht anders geht kann man sein Skizzenbuch ja auch einfach zuklappen und um die nächste Ecke verschwinden. (Wobei mir auch schon passiert ist, dass mich ein besonders traditionell aussehender orthodoxer Jude »auf frischer Tat ertappte« mich fragte, ob er das sein solle und dann anfing mit mir über die Strichführung zu diskutieren).

Aber zurück auf das Dach: Zweieinhalb Stunden sind vergangen. Eine Wolke zieht an der Sonne vorbei und wirft einen schnell fliegenden Schatten über die Kuppeln. Wir stehen noch oben, vor uns auf dem Steinboden die ausgebreiteten Skizzenbücher. Die Reaktionen sind einmütig: wonderful, amazing, we want to come back.

Zeichnen ist immer auch ein Stück verstehen wollen, ein Stück Erkenntnisgewinn. Darüber hinaus ist Zeichnen nichts weniger als eine globale Sprache. Ein Brot oder ein Bett auf einen Zettel gekritzelt überwindet jede Sprachgrenze. Ich denke, dass das hier herrschende Bilderverbot auch dazu führt, dass die Kommunikation, die Zeichnen eigentlich ermöglicht, damit unterbunden wird. Nächste Woche zeichnen wir in der Yehuda Street, West Jerusalem.

Salam & Schalom