Bronzezeit. Die Illustration beim ADC 2010.

Von Gast 21. Mai 2010 Kommentare 2

Wieder kein Silber, wieder kein Gold. Die Bronzezeit in der Illustrationsjury des ADC geht weiter. Aber woran liegts? Der Juryvorsitzende Patrick They berichtet zeit- und hautnah vom Rennen um die begehrten Nägel. Und Freistil-online zeigt alle Gewinner.

Als ich so am 13. Mai morgens durch die Stellwände laufe, habe ich einen spontanen Vorfreudeanfall. Da hängen die phantastischen Illus für den Verein ANAD, der mit magersüchtig neuinterpretierten Klassikern unsere Schönheitsideale in Frage stellt. Gleich daneben eine Arbeit für einen kleinen Verlag: die schönsten Lesezeichen aller Zeiten – dahinter steckt wohl 2 Agenten, vermute ich. Die Spitze-Feder-Anzeigen für den Spiegel. Irre Geldscheingesichter für Smart. Die wilden Zeichnungen von der JvM-Homepage. An den tollen Collagen für´s Staatstheater Stuttgart laufe ich vorbei, ohne sie recht wahrzunehmen. Dafür fällt mir eine azurblaue Strecke mit dem schönen Namen Seemansgarn auf und direkt gegenüber hängt eine einfach unglaublich gut gezeichnete Serie vor der ich sehr lange stehen bleibe: »The Soul of Motown«. Aber es gibt noch viel mehr tolle Arbeiten. Bei Nummer 93 ist schließlich Schluss: Ein Drittel mehr als letztes Jahr. Die Menge stimmt also auch optimistisch.

Im Juryvorsitzendenbriefing werden wir noch mal angehalten, streng zu bleiben. Der Goldnagel muss eine harte Währung bleiben! Wir wollen die Leute nicht mit unserem (vielleicht letzten) Buch erschlagen. »Soll aber auch keine spanische Inquisition werden!« meint Norbert Herold. Das ist mein Mann! Der Chairmann ist also auch nicht schuld.

Also die Jury? Hatte die keine Ahnung? Dietmar Reinhard zum Beispiel schon. Der schaut zwar überkritisch und aus einer Distanz von einem Zehntelzentimeter auf jede Arbeit (Niederländer Schule) – aber er kann auch jederzeit zeigen wie´s besser geht. Julia Ziegler mit ihren Illus für die Homepage von JvM hat sowieso bewiesen, das sie es kann. Tim, Thomas, Ralph, Eric, Daniel: exzellente Artdirectoren aus der Werbung. Heico auch, aber aus der Milchstrasse. Jan holt sich zwei Tage später noch einen Nagel für seine Infografiken ab. Also alles alte Hasen, Fritz heisst auch noch so, mit Doppel-A und hat soviel Erfahrung wie wir alle zusammen.

Aber sind wir vielleicht alle zu alte Hasen und nicht mehr so begeisterungsfähig? Lag´s daran?

Nach dem ersten Wahlgang stehen 9 Arbeiten auf der Shortlist. Das ist nicht schlecht. Die Fotojury nebenan hat nur eine. Wir beschliessen trotzdem, alle Arbeiten zwischen den Durchschnittsnoten 2 und 3 nochmal in Betracht zu ziehen. Das ist ungewöhnlich, aber legal. Wer hat noch Lieblinge? Es stellt sich heraus: Jeder. Eric Urmetzer hält ein Plädoyer für eine schöne Arbeit für beef (Abbildung oben). Sie war auf der Liste weit unten. Ganz zu unrecht, wie wir schnell feststellen.

Zwei kleine Schwarzweiss-Zeichnungen für die Serie »Agenturleistungen« von Ogilvy schaffen es sogar einstimmig ins Buch. Bald haben wir 12 Auszeichnungen beisammen, obwohl wir eine Arbeit auch rauswählen. Die Jury hat ein besonderes Herz für die leisen, unaufdringlichen Arbeiten die sich erst auf den zweiten, dritten Blick erschliessen. Die »Nachtasyl« – Collagen für das Schauspielhaus Stuttgart fesseln uns ganz besonders. Julia´s JvM-Illus sind zwar alles andere als leise aber uns fällt auch das zeichnerische Können in den Details auf. Die Diskussionen sind sachkundig, konstruktiv und gehen sehr in die Tiefe. Es macht Spaß. Es wird viel gelacht. Krisepeterstimmung? Nein.

Aber bei der ersten Abstimmung für Medaillen zeigt sich schnell: Zwar hat jeder seine Lieblinge mehr oder weniger in´s Buch gerettet, aber viele Nägel werden es nicht. Gerade mal drei schaffen es bis Bronze, mit 8 Stimmen. ANAD, »The Soul of Motown«, Stuttgarter Staatstheater. Die anderen Auszeichnungen sind weit vom Nagel entfernt. Bei der Abstimmung für Silber schwinden auch diese jeweils 8 Stimmen schnell – keine Arbeit bleibt übrig.

Das zeigt mehr oder weniger klar das Meinungsbild der Jury: Es gibt zwölf tolle Arbeiten, die eng beieinander liegen und darunter drei, die »Maßstäbe in ihrer Kategorie setzen.« – die offizielle ADC-Definition für Bronze. Eine »ausserordentlich kreative« Arbeit, eine die aus dem hohen Niveau noch mal heraussticht sahen wir nicht. Eine, die so frisch, neu und anders ist wie beispielsweise »Hort goes Brazil« von 2003. Die lässt sich auch nicht herbeidiskutieren und kein Plädoyer zieht – wir sind kein »olympischer« Wettbewerb, in dem es auf jeden Fall Gold und Silber gibt. Manchmal denke ich: Schade.

Vielleicht liegt´s also an mir? Hätte ich mit einem flammenden Plädoyer für Edelmetall das Ruder herumreissen können?

Etwas enttäuscht sitze ich zwei Tage später im Raum »Illusion2«, in dem die Juryvorsitzenden über einen Grandprix abstimmen sollen. Als einer der ersten erfahre ich unter strenger Geheimhaltung, welche 8 Arbeiten aus den über 6000 eingereichten
»besonders herausragend sind und ihre Kategorie neu definiert haben« – also schon Gold haben.

Eigentlich ist keine einzige dabei, die ich ich vor dem Wettbewerb schon mal im öffentlichen Leben in dieser Form gesehen hätte. Der Hornbach-Hymne-Film ist überhaupt nicht dabei und hat´s nur als Text bis Gold geschafft. Trotz überraschend langer Diskussion über Verfahrensfragen gibt’s völlig zu recht keinen Grand Prix.

Aber die 8 Goldnägel geben mir zu denken: Wenn mit Wachs an Fliegen geklebte Minibanner Gold haben (so originell das ist) – Hätten wir dann nicht vielleicht wenigstens für meinen Hauptliebling ANAD ... oder für den Spiegel ... oder die Lesezeichen ...

Unseren Juryglückwunsch an alle 9 Auszeichnungen und die 3 phantastischen Bronze – verbunden mit dem Aufruf: Schickt alle ein (vor allem ihr Editorialleute müsst euch mal ins Zeug legen) und überrascht die nächste Jury mit einer Arbeit, die die Bronzezeit endgültig beendet.

Wir warten alle drauf.

(Und Raban – könntest du nächstes Jahr Deinen Geburtstag günstiger legen und wieder in die Jury kommen?)

Patrick They

Abbildungen v. o. n. u.:

Bronze für
1. ANAD, Schönheitsideale gestern/heute, Ogilvy Frankfurt,
Illustration: Remus Grecu
2. Staatstheater Stuttgart, Programmheft Nachtasyl, Strichpunkt
Illustration: Strichpunkt
3. EMI Music und edel Germany, The Soul of Motown, Drushba Pankow, Berlin
Illustration: Alexandra Kardinar, Volker Schlecht/Drushba Pankow

Auszeichnung für
1. Der Spiegel, Spiegel-Kampagne, Jung von Matt AG
Illustration: David von Bassewitz
2. Internetseite JvM.com, Jung von Matt AG
Illustration: Julia Ziegler
3. Felix Jud & Co., Die Lesezeichen Promotion, Scholz & Friends
Illustration: Romy Blümel, Katharina Gschwendtner, Gisela Goppel,
Andrea Ventura, Carmen Segovia, Pietari Posti, Tina Berning,
Agentur: 2Agenten
4. smart fortwo, Money Monster, BBDO Germany
Illustration: Klaus Assmann
5. MTV, OMG!, Jung von Matt AG
Illustration: Andriy Vynogradov
6. beef Magazin, Netzwerker, Deutscher Fachverlag (Abbildung oben)
Illustration: Tilman Faelker
7. Lexware, Lexikon der fabelhaften Finanz-Phänome, Reinclassen
Illustration: Alexander Rötterink
8. Ogilvy Deutschland, Agenturleistungen, Ogilvy Frankfurt
Illustration: Tatjana Bergius
9. Tui Cruises, Das Seemannsgarn Buch, Scholz & Friends
Illustration: Romy Blümel

adc nagel

hallo patrick,

vielen dank!! das ist ein schöner artikel, und für uns interessant und aufschlussreich.
es ist uns eine große ehre, zwischen so vielen tollen illus :-)

schöne grüße von alexandra und volker

die suche nach Silberlingen...

Hallo Patrick,

habe mir deinen Artikel zu Gemüte geführt und das gefällt sehr gut! Es wäre wirklich toll wenn mehr eingereicht wird in dieser Kategorie, denn ich bin überzeugt, dass ganz viel Silber unterwegs ist und sich einfach nicht traut einzureichen.
Ich glaube es ist trotz allem ein guter Schnitt dabei rausgekommen (..auch wenn ein paar persönliche Lieblinge immer auf der Strecke bleiben) und dann hoffen wir einfach, dass im nächsten Jahr mehr Mutige dabei sind und die Jury offenherzig Silber verteilen kann...

Danke Dir für Deinen Einsatz als Juror :-)
Grüße Marianna