Bezalel, Blutspuren und ein Tanz mit Basheer

Von Felix Scheinberger 02. November 2009 Kommentare 0

Felix Scheinberger, deutscher Zeichner und Illustrator unterrichtet im kommenden Semester als Gastprofessor an der renommierten Bezalel Academy of Arts and Design in Jerusalem. Von dort wird er für Freistil-online regelmässig über Israel und den Nahen Osten, die Kunst und Designszene, über Comics, Street Art, Zeichnungen und natürlich den Alltag berichten. Hier sein erster Report.

Bezalel, Blutspuren und ein Tanz mit Basheer

Von Felix Scheinberger

Nacht über dem Damaskustor. Flughunde flattern um die Palmen, die Minarette erstrahlen in grünem Neonlicht und es ist jetzt, Ende Oktober, immer noch 32 Grad heiß. Ich frage mich manchmal allen Ernstes was ich hier tue. Ich habe fürs Wintersemester 2009/10 an der Bezalel Academy of Arts and Design eine Gastdozentur für Zeichnen und Illustration angenommen, in Jerusalem, Israel – einer Stadt voller Bilder und Bilderverbote ...

Komischerweise sind es gerade Bilder gewesen, die mich hierher gebracht haben. Kunst und Design in Israel sind untrennbar mit der Bezalel Academy of Arts and Design verknüpft. Das erste Mal habe ich den Begriff Bezalel weit weg vom nahen Osten gehört, als immer wiederkehrende Signatur und Copyrightzeile im MoMA im Museum für Modern Art in New York.

Bezalel, nach dem ersten Künstler der hebräischen Mythologie benannt, ist nichts weniger als die führende Kunst-Akademie im Nahen Osten und eine der ersten Adressen für Design und Illustration. In Bezalel lehren zeitgenössische Illustratoren wie Orit Bergman oder Gary Basemann, Merav Salomon oder Rony Oren. Die Hochschule hat allerbeste Beziehungen in die Szene in den USA.

Das Bild des nahen Ostens ist naturgemäß ein Zerrbild und ich möchte deshalb als Einstieg hier zunächst zwei Künstler vorstellen, die in Bezalel Illustration unterrichten und die dem europäischen Publikum sicherlich schon ein Begriff sind.

Beide sind in Deutschland in letzter Zeit durch Graphic Novels bekannt geworden und beide beleuchten in Ihrer Arbeit auf sehr eigene und authentische Weise den Konflikt im Nahen Osten. Die Rede ist von den Bezalel Professoren Rutu Modan und David Polonsky und Ihren Werken »Blutspuren « und »Waltz with Basheer«.

Rutu Moden lehrt Illustration und Entwurf und ist eine der bekanntesten Zeichnerinnen Israels. Sie ist Mitgründerin und Mitglied von Actus Tragicus, DES israelischen Comic-kollektives. Ihre neueste Graphic Novel »Exit Wounds« (»Blutspuren«, Edition Moderne 2009) thematisiert die Selbstmordanschläge während der zweiten Intifada in Israel.

Rutu Modan erzählt mit einem, auf die Tradition der Ligne claire zurückgehenden Stil sehr leise die Geschichte zweier Menschen die sich zwischen Beziehungslosigkeit und Unsicherheit hin und her bewegen und deren Berührungspunkt die Suche nach einem verschwundenen Vater bzw. Liebhaber ist. Der Vater ist verschwunden, ein mutmaßliches Opfer eines Selbsmordanschlages auf einen Tel Aviver Schnellimbiss. »Blutspuren« schildert den Versuch, eine Person zu fassen die im Umfeld eines mörderischen Anschlages verschwand und dessen Verschwinden Fragen aufwirft die mit Kriminaltechnik allein nicht zu lösen sind. Es erzählt die Suche nach einem Menschen, dessen ohnehin schwer zu fassende Biographie durch ein noch weniger zu fassendes Verbrechen beendet wurde; als Unbeteiligter, als Opfer oder Täter. Als ein Schatten, der den Bleibenden nichts als Fragen hinterlässt. »Blutspuren« beschäftigt sich auf unkonventionelle Weise mit Wahrheit, mit Ursache und Wirkung.

Die Annäherung an die Wahrheit – an das, was wirklich geschah – thematisiert auch David Polonsky in seinem aktuellen, mit dem Regisseur Ari Folmann realisierten Film »Waltz with Basheer«.

»Hast du niemals Flashbacks aus dem Libanon?« Ein Kneipengespräch in Tel Aviv – eine gewichtige Frage auf die der Protagonist zunächst zögert: » ... Nein, ... eigentlich nicht«. Der Film füllt dieses »eigentlich nicht« nach und nach mit gewaltigen aufwühlenden Bildern über einen unfassbaren und verdrängten Krieg: »Waltz with Basheer« erzählt von Schuld und Verantwortung. This is not a love Song ...

Polonsky entwirft furiose und gespenstische Bilder vom Libanonkrieg und über den »Tanz« der Israelis mit Basheer, einem verbündeten christlichen Milizenführer, dessen Soldaten in Flüchtlingslager Sabra and Schatila 1982 ein furchtbares Massaker angerichtet haben.

Dass »Waltz with Basheer« so bewegend ist, ist nicht zuletzt den Illustrationen des 1973 in Kiew geborenen Polonsky zu schulden. Seine Bilder sind ein Vaubanspiel zwischen Traum und Wirklichkeit und zeigen am Ende das, was Illustration nur bedingt zeigen kann, mit Hilfe des Realbildes: Polonsky füllt die letzten Filmminuten mit Dokumentaraufnahmen weinender und schreiender Menschen im Flüchtlingslager Sabra und Schatila. »Waltz with Basheer« geht unter die Haut und sowohl der Animationsfilm als auch der Comic sind unbedingt empfehlenswert.

Politik ist im nahen Osten ein allgegenwärtiges Thema, so dass es nicht verwundert, dass auch Kunst und Design immer wieder politisch sind. Ich werde im Verlauf meiner Berichte immer wieder von Kunst und Design hier berichten, ich werde mehr und weniger bekannte Ereignisse schildern und ich werde immer wieder eigene »Vor Ort« Schilderungen, sowohl in Wort wie auch in Skizzenform einfließen lassen.

Salam & Schalom

(Abbildung oben »Waltz with Basheer«, Abbildung unten »Blutspuren«)