85 Jahre illustrierte Bücher – Ein Portrait der Büchergilde Gutenberg

Vor 85 Jahren gegründet hat die Büchergilde Gutenberg heute einen der führenden Plätze in der deutschen Buchlandschaft inne. Nicht zuletzt wegen ihrer illustrierten Ausgaben. Felix Scheinberger gratuliert in seinem ausführlichen Bericht recht herzlich.

Vermutlich kennen Sie das: Sie werden in der Fußgängerzone angesprochen , mit phänomenalen Angeboten geködert und sind - Schwups - ehe Sie sich versehen, Mitglied einer Buchgemeinschaft von der Sie dann allmonatlich mit unnützen Angeboten und Kaufauforderungen überschütten werden.

Nicht umsonst haben Buchclubs und Buchgemeinschaften einen eher zweifelhaften Ruf. Lockangeboten folgen in der Regel Massenware und die Mitgliedschaften erweisen sich als Knebelverträge denen Sie im Grunde nur unter Einsatz von SEK Truppen wieder entrinnen können. Doch das ist nicht in allen Fällen so.

Dass das Prinzip des Buchclubs eigentlich in eine ganz andere Richtung zielte und sehr viel älter ist, zeigt das Beispiel das ich hier heute vorstellen möchte. Und es lohnt sich – gerade aus Sicht der Illustration – diesen Buchclub genauer unter die Lupe zu nehmen: Die Rede ist von der Büchergilde Gutenberg.

Die Büchergilde ist im Grunde die Erfinderin des »Prinzips« Buchclubs. Sie entstand aus der Gewerkschaftsbewegung und hatte sich ursprünglich zum Ziel gesetzt die Arbeiterschaft mit guter und preiswerter Literatur zu versorgen. Die Idee war, die Bildung voran zu treiben und über die Bildung die Gesellschaftlichen Verhältnisse zu verbessern. Um die Bücher bezahlbar zu machen entwickelten die Initiatoren damals die Idee des Clubs. Einer Solidargemeinschaft deren Zweck es war die Bücher über eine gesicherte Auflage bezahlbar zu machen und die die dem Arbeiter und seiner Familie Zugang zu Bildung und Kultur eröffnen sollte.

Die Büchergilde wurde in den zwanziger Jahren vom »Bildungsverband der deutschen Buchdrucker« gegründet. Zusätzlich zu gewerkschaftlichen und sozialen Anliegen entstand schnell der Gedanke, neue Literatur und Kunst zu fördern. Autoren der ersten Stunde waren damals u.a. die späteren Klassiker Jack London oder B. Traven. Das zweite wichtige Standbein neben der Literatur wurde die Buchkunst. Schnell wurde die Büchergilde Heimat von Illustratoren und Typographen.

Dass die künstlerische und politische Ausrichtung den Gesellschaftlichen Rechten ein Dorn im Auge war, zeigte sich mit der Machtergreifung der Nazis. Am 2. Mai 1933 besetzt die SA das Verbandshaus der Deutschen Buchdrucker in Berlin und inhaftierte die Gründer. Der Büchergilde blieb nichts anderes übrig, als ins Exil zu gehen. Noch im selben Monat trennte sich die Züricher Filiale von dem Haupthaus und errichtete die Schweizer Sektion, die während des Krieges die Büchergilde fortführte. Nach dem Krieg unternahm Helmut Dreßler, der Sohn des Gründers, alle Anstrengungen für einen Neuanfang. Im März 1947 gründete er die Büchergilde unter dem Dach der Gewerkschaftsbünde in Frankfurt am Main neu. Seitdem hat sich die Büchergilde vor allem mit Ihren »schönen Büchern« einen Namen gemacht. Buchhersteller und Typographen wie Jürgen Seuss oder Klaus Detjen haben für Sie gearbeitet. So erscheint in der Büchergilde in Zusammenarbeit mit dem Steidl Verlag die »Typographische Bibliothek«. Diese gibt dem Medium Schrift und Typographie ein neues, wirkungsvolles Forum um Buchliebhaber und Literaturinteressierte für ungewöhnliche und zukunftsweisende Gestaltungsformen einzunehmen

Vor allem aber hat sich die Büchergilde auf dem Gebiet des illustrierten Buches hervorgetan. Während in den letzten Jahrzehnten die deutschen Verlage immer mehr auf Buchillustration verzichteten, ist die Büchergilde ein Flaggschiff für die Buchillustration geblieben. Die Gewinne die in anderen Buchclubs in die Kassen des Managements flossen, investiert die Büchergilde in die Ausstattung Ihrer Bücher. So sind Druckqualität, Einband und Ausstattung immer hochkarätig. Nicht umsonst trifft man die Bücher der Büchergilde jedes Jahr wieder in der Prämierung der »Schönsten deutschen Bücher«.

Im Bereich der Buchillustration ist die Büchergilde der einzige große deutsche Verlag, der regelmäßig nicht nur Kinder und Jugendbücher sondern auch Bücher für Erwachsene hochwertig und künstlerisch illustrieren lässt.

Das Verzeichnis der Büchergilde Illustratoren liest sich wie das »Who ist Who« der Weltillustration. Zeichnerklassiker wie Tomi Ungerer, Seymor Chwast, Horst Janssen oder Ralph Steadman haben für die Büchergilde illustriert. Aber auch die jüngere Generation arbeitet immer wieder für die Bücher der Gilde. So haben z.b. Atak, Henning Wagenbreth oder Anke Feuchtenberger in den letzten Jahren für die »kleine Reihe« der Büchergilde (die »Tollen Hefte«) gezeichnet.

Das Prinzip des Buchclubs, das in anderen Fällen nur Geld in die Taschen der Konzerne spült hat sich im Fall der Büchergilde als Glücksfall für die Buchkultur in Deutschland erwiesen. Und auch wenn der Verlag seit einigen Jahren nicht mehr in der Hand der Gewerkschaften ist, sondern von Mitarbeitern übernommen wurde, ist die Büchergilde bis heute der renommierteste deutsche Verlag in Sachen Buchillustration. Der Erfolg gibt Ihr Recht und es ist sehr zu hoffen, dass der Wert des illustrierten Buches in Zukunft auch wieder mehr von anderen Verlagen erkannt und übernommen wird.

www.buechergilde.de

(Abb., v. o. n. u.: Ralph Steadman »Die Schatzinsel«, Seymor Chwast »Der alte Mann und das Meer«, Katrin Stangl »Fahrenheit 451«, Klaus Böttger »Hinter der Wand«, Tomi Ungerer »Justiz«, Bernhard Jäger »Münchhausen«, Felix Scheinberger »Tod in Venedig« und Kay Voigtmann »Waldwärts«)

fein

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