4. These »Illustrationen müssen Eigenständigkeit besitzen.« Illustriert von Chrigel Farner für Slanted #14

Wie in keiner anderen Kommunikationsform gilt in der Illustration; be unique! Nur ein unverwechselbarer, ungesehener und sehr persönlicher Strich schafft es, in Erinnerung zu bleiben. Der in Berlin lebende Schweizer Chrigel Farner lebt dieses Prinzip.

Seine Arbeiten sind dennoch alles andere als modisch und scheinen dem Füllhorn der jahrhundertealten Magierin Illustation entsprungen zu sein. Und wenn ihn eine Zeichnung noch nicht zufriedenstellt und überrascht, kann es sein, dass er tagelange Arbeit vernichtet und nochmal von vorn beginnt.

So bringt er nicht nur Deadlines an den Rande des Nervenzusammenbruchs sondern auch unsere Netzhäute immer wieder zum Überkochen. So bleibt er unberechenbar und wiedererkannbar.

Illustrationen müssen Eigenständigkeit besitzen. Denn der Mut, eine eigenwillige Form zu finden, ist notwendig in einer Welt, in der eine Farbkopie nur noch 50 Cent kostet.

chrigel.farner@gmx.de www.slanted.de

Chrigel Farner illustrierte die Schrift NEUE HAAS GROTESK für die von Raban Ruddigkeit kuratierte Rubrik »Fontnames Illustrated« in Slanted #14.

Thesen zur Illustration

Grundsätzlich ist es zu begrüßen, wenn der Versuch gemacht wird, ernsthaft über Illustration nachzudenken. Ohne die Auseinandersetzung mit ästhetischen Theorien von Schiller bis Adorno (und darüber hinaus) ist letztlich aber nichts gewonnen.
Illustration als Kind der Moderne – ich halte überhaupt nichts davon, wie es im übrigen gern getan wird, Dürer, mittelalterliche Bibelillustrationen, ägyptische Hieroglyphen und schließlich noch die Höhlenmalereien von Lascaux in einem großzügigen Streich unterschiedslos der Illustration zuzuschlagen. Das ist nicht mehr als eine reflexhafte und unkonrollierte Abwehrbewegung gegen die ständige Abwertung (nicht nur) aus dem freikünstlerischen Lager.
Illustration ist ohne das 19. Jahrhundert nicht denkbar und vielfach steckt sie heute noch dort. Und wenn nicht dort, dann bei den klassischen Avantgarden der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die sie in immer wieder neuen Aufgüssen reproduziert. Wohl hauptsächlich deswegen, (1. These:) weil es nie eine Avantgarde-Illustration gegeben hat. Bis heute – vielleicht. Aber dies gälte es erst einmal zu klären, und zwar mit dem Blick auf die letzten 200 Jahre (nicht 20.000) und, wie eingangs erwähnt, mit dem Rüstzeug ästhetischer Theorien.

»rüstzeug ästhetischer theorien«

lieber andreas, wenn wir uns nicht solange kennen würden, hätte ich vielleicht den verdacht, dass sich jemand aus einem seltenen paralleluniversum hierher verirrt haben könnte ... mir fällt es schon schwer zu verstehen, was du eigentlich willst.

ich versuchs mal auf meine art; illustration ist KEINE kunst. weshalb es auch keiner kunsthistorie bedarf, um sie einzuordnen und/oder zu klassifizieren. als uneheliches kind von kunst und kommerz ist sie vielleicht gar nicht bereit, avantgarde zu sein oder zu werden. und wenn wir an die anderen ungeratenen geschwister wie z.b. comic, kino und z.b. grafikdesign denken, können wir darüber eigentlich nur dankbar dafür sein.

natürlich startet die illustration mit den MEDIEN, die sie ermöglichen. das geht allerdings ein wenig eher los, als erst im 19. jahrhundert. und zwar weltweit. und zu guter letzt; ästhetische theorien haben sich an bildern abgearbeitet, nicht an theorien selbst. und folgen somit der realität und versuchen nicht, diese vorzufertigen.

aber das wolltest du sicher auch sagen, oder ;-)

Und wenn wir schon dabei sind...

..lieber Andreas, lieber Raban, würde mich neben einer bedeutungstheoretischen Diskussion – die im angloamerikansichen Raum schon lange von Heller, Holland etc geführt und dokumentiert wird – vorallem mal ein Wertediskurs interessieren. Und das meine ich sowohl kulturell als auch ökonomisch - das hängt nämlich zusammen: Kunst kann man nicht essen.

Gruß

Tim

kunst kann man nicht essen.

waren die campbell-dosen leer?

Kann sein...

...zumindest war das Ettikett manchmal kaputt.
Dafür war nach dem verkäuferischen Akt der Kühlschrank voll!

keine Kunst

Kunst oder nicht, spielt zunächst mal keine Rolle. Sowohl ästhetische als auch kunst- und medienhistorische Theorien können helfen, mehr Klarheit hinsichtlich Definition, Position als Kommunikations- und Erkenntnismedium, aktuelle Entwicklung von Illustration bringen. Eigentlich ein typisches Thema für die sog. Visual Culture Studies.
Dann muss man wohl feststellen, ob einem das gefällt oder nicht: immer wieder wird von Illustratoren der Vergleich mit der Kunst gesucht. Zweifellos legt die große Ähnlichkeit das auch nahe. Zumal in den letzten Jahren, wie wir ja alle wissen, die Illustration eine Vielfalt entwickelt hat, die zuvor unbekannt war. Sie hat sich emanzipiert. Hat sie sich emanzipiert? Und wovon und wohin?
Der Avantgarde-Wunsch ist in jedem Falle zu spüren und ergehört unmittelbar in die Kategorie Kunst sein zu wollen. Denn die moderne Kunstauffassung ist ohne den Avantgarde-Begriff nicht denkbar.
Unterschiede zwischen Illustration und Kunst sind nur schwer klar zu umreißen und alle Versuche sind hier bislang misslungen, weil die Diskussion stets unter den falschen Vorzeichen angegangen wurde, eben als hilfloser Reflex, wie ich schon geschrieben habe.
Was ebenfalls nicht von der Hand zu weisen ist, ob einem das gefällt oder nicht: Illustration im heutigen Sinne ist unmittelbar an die Entwicklung kapitalistischer Massengesellschaften gebunden, die gleichzeitig eine kleinbürgerliche Massenästhetik befördert hat, die üblicherweise als Kitsch bezeichnet wird. (2. These:) Illustration ist zum weitaus größten Teil Kitsch. Wer das nicht (an)erkennt, hat nichts verstanden. Die Auseinandersetzung mit dem Kitsch sollte zuallererst von Illustratoren betrieben werden. Natürlich ist das eine unangenehme Sache, gibt es doch im Ästhetischen kein schlimmeres Urteil als eben der Kitschverdacht – nach Hermann Broch handelt es sich dabei um nichts weniger als den ästhetischen »Antichrist«! Auch hier kommt man weiter, wenn man einen Blick in die Kitschtheorie wirft – es haben sich ja noch andere als Broch dazu geäußert –, um herauszufinden, weshalb Illustration Kitsch sein könnte oder eben nicht. Und wenn ja, was machen wir dann damit?
Ich breche mal hier ab, ist eh schon zu lang geworden.

alles kapitalismus?

uhjja, lustige diskussion hier.
kapitalismus muss ja nicht sein, nur vergisst man dies in der üblichen "westlichen" überlegungs-arroganz. Wenn man seit früher kindheit comix guckt, sieht man vielleicht rest des lebens nur die micky-mäuse überall?
in UdSSR gab s z.B. kein "massenkonsum" und keine kapitalistische "profitorientierung". Das was solche sowjetische altmeister wie May Miturich (Май Митурич) oder Gebrüder Traugot (братья Трауготы) im Kinderbuchbereich und im Rahmen der sozialistischen massenproduktion in den 1960gern leisteten, kann sich auch heute mit dem so gen. illu-avantgarde messen und ist sicher "Kunst", egal was man darunter theoretisiert.
Und was wäre überhaupt deutsche Illu- und Comic-Szene ohne DDR-Zeichner?! ... Und warum wohl ist es so?... ;-)

nicht alles kapitalismus

@Vitali
Die kapitalistische Massenproduktion hat die Ausbreitung des Kitsches massiv gefördert, ganz sicher ist der Kapitalismus aber kein Auslöser des Kitsches. Ludwig Gisz beschreibt Kitsch nicht wie viele andere als Objektqualität, sondern als bestimmte Seinsweise: Dem Kitsch-Menschen kann aufgrund seiner besonderen Disposition (zur Sentimentalität z. B.) alles zum Kitsch werden, auch Dinge, die eigentlich kein Kitsch sind. Kitsch, so Giesz, sei ein Bedürfnis, inwieweit der einzelen sich ihm hingibt oder es kultiviert, ist eine andere Frage.

@Raban
Deine erste These lautet »Illustrationen müssen den Geist anregen«. Dies ist eine Forderung die ziemlich genau dem entspricht, was man von Kunst üblicherweise verlangt: sie soll über sich hinausweisen, soll nicht bloß sinnlich genossen werden, wie der Kitsch, sondern über sich hinausweisen, transzendieren. Kants berühmtes Diktum vom »interesselosen Wohlgefallen« ist auch nach über 200 Jahren nicht zu ignorieren (ob’s die Gültigkeit hat, die es beansprucht, ist eine andere Frage). Jedenfalls widersprichtst Du Dir selbst, wenn Du anschließend erklärst, Illustration sei keine Kunst.
Und noch etwas: Illustration ist in jedem Falle ein ästhetisches Phänomen und dewegen fällt sie auch in den Zuständigkeitsbereich ästhetischer Theorien.

»kein kapitalismus = kein kitsch«

etwas vereinfacht mag die formel schon klingen, aber sie stimmt irgendwie (die in plagwitz verschanzten marktverweigerer glauben wohl daran auch ;-)... Der preis, und was ist gut und was ist böse dabei, lassen wir mal ausser sicht. Aber immerhin hat der damalige autoritäre staat das bestimmen über illustration den EXPERTEN delegiert - und sie haben schon dem volke »ästhetisch-hochwertiges« rausgesiebt... Das hat allerdings auch wenig geholfen: bei erster gelegenheit stürzte das volk auf coca-cola und mickymäuse... Gesetzt der normalverteilung kann nämlich keiner abschaffen, und wenn man das ganze von der mathematischen seite anschaut gibt s hier kein drama mehr ;-)