3 Fragen an: »Anonyme Zeichner«

Von Judith Drews 07. November 2009 Kommentare 0

Anke Becker (Blütenweiss Berlin) hat vor 3 Jahren ein Projekt gestartet, das nicht umsonst »Anonyme Zeichner« heißt. Im Rahmen einer Ausstellung werden bis zu 800 internationale Zeichnungen gezeigt, deren Autoren anonym bleiben. Jeder Ausstellung geht ein offener Aufruf zur Teilnahme im Internet voraus.

Es gibt darin keine inhaltlichen Vorgaben - Alter, Biographie und Herkunft des Urhebers spielen bei der Auswahl für die Ausstellungen ebenfalls keine Rolle. Alle ausgestellten Zeichnungen können zu einem symbolischen Einheitspreis von 150 Euro während der Ausstellung erworben werden. Die Arbeiten werden dem Käufer direkt vor Ort ausgehändigt und der Name des Künstlers sowie sein Herkunftsort wird im Gegenzug an der entstehenden Leerstelle an der Wand angebracht.

Da die Arbeiten sowohl von etablierten Künstlern als auch von Laien stammen, wird vom Betrachter verlangt, die Grenze zwischen Kunst und Nichtkunst selbst zu ziehen.

Künstler sind von Natur aus eigentlich nicht darauf aus, anonym zu bleiben. Weshalb ist Euer Konzept trotzdem so erfolgreich und damit reizvoll für Künstler aus aller Welt?

Ich glaube da gibt es ganz unterschiedliche Motivationen: Die einen begeistern sich für die Idee, mit Hilfe der Anonymität den Blick und das Urteil des Betrachters - jenseits von Biographie, Geschlecht und Herkunft - wieder ausschließlich auf das Kunstwerk zu richten und so einen kritischen Kommentar zum Kunstmarkt zu machen. Hier geht es dann vornehmlich um die Teilnahme an dem Gesamt- und Konzeptkunstwerk »Anonyme Zeichner«.

Dann gibt es natürlich auch diejenigen, für die »Anonyme Zeichner« ein unkomplizierter Weg ist, an eine Ausstellung in Berlin teilzunehmen - das gilt besonders für Künstler aus dem Ausland. Ich habe z.B. einmal eine Arbeit aus New York zugesandt bekommen, auf der in sorgfältigen Lettern stand »now we have berlin on our CV«.

Viele Künstler setzen kurioserweise dann auch die Teilnahme an den anonymen Ausstellungen auf Ihren Lebenslauf, was ich persönlich skurril und auch begrüßenswert finde: Auch eine Art, das Projekt bekannt zu machen!

Der geringste Teil der Künstler (vermute ich zumindest) nimmt teil weil er/sie hofft, eine bedeutende Summe Geld zu verdienen. Der Verkaufspreis ist jedoch bewußt symbolisch niedrig (150 Euro - davon 100 Euro an den Künstler). Anders verhält sich dieser Aspekt dann aber doch bei Künstlern aus Ländern in denen 100 Euro einen wesentlich höheren Wert haben als bei uns (z.B. China, Afrika, Osteuropa etc.).

Denkt ihr, dass gerade die Arbeiten unbekannter Künstler bei »Anonyme Zeichner« eine echte Chance bei den Betrachtern haben, wenn in der Ausstellung nicht nach bereits bekannten Namen Ausschau gehalten werden kann?

Auf jeden Fall! Die Erfahrung der letzten drei Jahre in denen das Projekt existiert hat gezeigt, daß die Käufer sich ob der Anonymität eher entspannen und einfach Ihrem Geschmack folgen - also nach dem Prinzip »Liebe auf den ersten Blick« kaufen. Bisher sind sogar eher Arbeiten unbekannter Künstler gekauft worden. Diejenigen die nach Schnäppchen Ausschau halten sind glücklicherweise in der Minderheit. Außerdem bedeutet »eine Chance haben« ja auch, daß die Arbeiten neben denen von sogenannten erfolgreichen oder bekannten Künstlern ebenbürtig bestehen können; deshalb betrachte ich die Art der Hängung als sehr wichtig. Wie kombiniere ich einzelne Arbeiten miteinander, sodaß sie sich sinnvoll ergänzen, gegenseitig aufwerten, inhaltlich und formal kommentieren usw.

Es gehört ebenso zum Konzept, kein Thema festzusetzen. Funktioniert eine Ausstellung ohne jeglichen roten Faden oder liegt genau darin der besondere Reiz?

Für mich liegt genau darin der besondere Reiz! Wo der Preis einheitlich ist und nur das Format vorgegeben (bis maximal A3) möchte ich mit »Anonyme Zeichner« einen Raum schaffen, in dem sowohl die Künstler als auch die Betrachter die größtmögliche Freiheit haben: Auf der einen Seite ist es unglaublich spannend wieviele Themen die Künstler in den unterschiedlichsten Teilen der Welt auf welche Weise behandeln.

Es hat durchaus etwas rauschhaftes, in diese verschiedenen Universen einzutauchen und zu den Versuch zu unternehmen, alles zu einer stimmigen Gesamtkomposition zusammen zufügen. Genauso unterschiedlich wie die einzelnen Betrachter so unterschiedlich sind auch die einzelnen Arbeiten und die Chance etwas für sich zu entdecken ist somit besonders groß.

Ein vorgegebenes Thema würde all das meiner Meinung nach nur zwanghaft einschränken und die spielerischen und überraschenden Momente von der Aktion verhindern.

www.bluetenweiss-berlin.de

»Anonyme Zeichner # 10«, 12. Dezember 2009 bis 17. Januar 2010, Kunstraum Bethanien, Mariannenplatz 2, 10997 Berlin, Eröffnung am 11. Dezember, 19 Uhr